Ansprache zur Finissage der Ausstellung Pionierpflanzen und anderer Wildwuchs des Frauenmuseums Berlin am 18.08.2018  in der Galerie Alte Schule Adlershof  

Diese PionierPflanzenKunst muss raus in den öffentlichen Raum!   

 

Begrüßung  

 

Liebe Damen und Herren, liebe anwesende Jugend,  


es ist sehr schön, dass wir heute für etwa eine Stunde lang hier in der Galerie Alte Schule Adlershof zusammengekommen sind, um die Finissage der Ausstellung Pionierpflanzen und anderer Wildwuchs des Frauenmuseums Berlin zu bestreiten und somit noch ein letztes Mal die Arbeiten von 17 Künstlerinnen des Frauenmuseums in dieser Zusammensetzung betrachten können.  


Ich selbst bin gelernte Evolutionäre Anthropologin und beschäftige mich eigentlich mit der Evolution von nicht-menschlichen Primaten, also mit Affen. Zuletzt war ich in Leipzig am Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie und an der Universität London tätig. Den Zwängen des akademischen und privaten Lebens geschuldet, habe ich allerdings in den letzten Jahren leider immer weniger Zeit unter Affen in den Wäldern dieser Welt verbracht, sondern mehr in deutschen Städten und somit sozusagen: unter Menschen gelebt. 

 
Nach der Erfahrung des Lebens in zivilisatorischer Abstinenz nimmt man gewisse Dinge in menschlichen Gesellschaften intensiver, vielleicht auch sachlicher, wahr. Und als ich nun vor einigen Wochen gefragt wurde, ob ich zur Finissage dieser bemerkenswerten Ausstellung einen Beitrag leisten könne, habe ich in meiner furchtlosen Naivität zugestimmt. Zugegeben: im Großen und Ganzen habe ich nämlich von der rezenten Kunstszene und dem modernen Kunstbetrieb 2018 wenig bis gar keine Ahnung. Die aktuelle menschliche Kunst ist für mich schlicht und einfach sehr exotisch.  


Die fehlende Gleichberechtigung im aktuellen Kunstbetrieb 


Zur Vernissage am 13. Juli 2018 gab die Kuratorin Julie August eine Einführung zum Frauenmuseum Berlin und den hier ausgestellten Werken. Weiterhin erwähnte sie, dass im rezenten Kunstbetrieb keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrsche, sondern dass die Kunst von Frauen viel weniger häufig in Museen, Galerien und Kunsträumen ausgestellt würde, als die Kunst von Männern. Julie Augusts nur konsequente Forderung der Gleichberechtigung halber bestand also darin, dass in den nächsten Jahrhunderten ausschließlich Arbeiten von Frauen ausgestellt werden sollten, um diese vermeintlich historische Schieflage, aber dazu später, wieder ins Lot zu bringen.   


Folgt man gedanklich auch dem Titel dieser Ausstellung stringent bis zum Ende, dann sind Pionierpflanzen botanisch gesehen nun mal Pflanzen, die es schaffen, entweder bislang leblose Habitate zu besiedeln und dort keine anderen Pflanzen mehr hochkommen zu lassen, oder als Wildwuchs die großen, dominanten Pflanzen zu verdrängen. Stadtbekannte Pionierpflanzen sind etwa die Birken, die in Berlin gerne mal in Dachrinnen und Traufen von verfallenen Fabrikgebäuden wachsen, solange diese noch nicht als Loft ausgebaut sind. Stadtbekannter Wildwuchs sind der Efeu und der Knöterich, die sich gerne an Ahornbäumen und Eichen hochranken und diese nach und nach zu Fall bringen.  


Die Pionierpflanze und der Wildwuchs gehen also über Leichen - über Baumleichen - und das ist natürlich eine Sache, die mich, als ich sie dann mal verstanden hatte, durchaus aufgeschreckt hat. Da diese botanischen Begriffe im Titel der Ausstellung als Metapher für eine aktuell notwendige Überlebensstrategie von Künstlerinnen dienen, scheint mir doch tatsächlich der Geschlechterkampf hier in der Berliner Kunstszene sehr ernst zu sein.
  
Die Kunst von Frauen, soll, der Gleichberechtigung halber, die Kunst von Männern mit stiller Beharrlichkeit und zähem Überlebenswillen aus Museen, Galerien und Kunsträumen nun verdrängen, da, so das Argument, seit Jahrhunderten die Kunst von Männern in unserer Zivilisation unverhältnismäßig häufig ausgestellt wird. Soweit so gut und auch von der Sache her ist diese Forderung recht klar.  


Der hiesige Kunstbetrieb denkt also in Jahrhunderten. Evolutionäre Anthropologen denken in Jahrtausenden und in Jahrmillionen. Ich fragte mich also, ob diese aktuelle Dominanz der Kunst von Männern tatsächlich originär menschlich ist? War es denn wirklich schon immer so, dass wir Menschen, seitdem wir mit den Formen von bildender Kunst und Malerei leben, in der Atmosphäre von ausschließlich oder zumindest vorwiegend der Kunst von Männern leben müssen?   


Denn schließlich hätte die aktuelle Forderung nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter auch in der ausgestellten Kunst eine unterstützende Basis, wenn man wüsste, dass auch Frauen schon immer Kunst erschaffen haben. Die Künstlerinnen von heute müssten sich dann nicht neu in eine vermeintliche Männerdomäne hinein kämpfen, sondern nur noch ihren sozusagen natürlich gegebenen Anteil im Kunstbetrieb einfordern und durchsetzen.  


Die Kunst der frühen Menschen  


Doch wie genau weiß man eigentlich über die Ursprünge der menschlichen Kunst Bescheid? Welche Menschen und welche Geschlechter haben überhaupt als allererste graviert und gemalt?   


Die meisten von Ihnen kennen wahrscheinlich die Fotos von Malereien der Menschen aus der Epoche der Steinzeit, die sich in Höhlen und an Felswänden befinden. Bislang wurden ja diese ersten Höhlenmalereien des Menschen, die man auf ein Alter von ca. 35.000 v. N. schätzte, von männlichen Kunstphilosophen, Kunsthistorikern, Anthropologen, Künstlern und Mitläufern der akademischen 68er beschrieben.   
Deren Beschreibungen waren in der Form von Manifesten veröffentlicht und sehr tendenziös. Vereinfacht gesagt forcierten sie jahrzehntelang das Dogma, dass ausschließlich erfahrene, wichtige Männer des Stammes die Höhlenwände bemalen durften, um entweder allen NichtJägern bildlich zu erzählen, welche Jagderlebnisse sie erlebt hatten oder um spirituell mit der Seelenwelt ihrer Jagdbeute sowie der Raubtiere zu verschmelzen.

 

Alle anderen Menschen durften demzufolge nicht an den Höhlenwänden malen. So wie der gemeine Florentiner, geschweige denn die gemeine Florentinerin niemals die Erlaubnis bekommen hätten, in der Sixtinischen Kapelle mit zu malen, so wurde von den männlichen Akademikern nicht der geringste Funke eines Gedankens daran verschwendet, dass diese Höhlenbilder auch von Frauen, Jugendlichen, Kindern oder gar transsexuellen Menschen gemalt worden sein könnten.   


Gleichzeitig wurde sehr pathetisch propagiert, dass mit der so betitelten Geburt der Kunst auch der moderne Mensch (Homo sapiens) erst richtig entstanden wäre, da sich nun auch seine Geisteswelt von jener der früheren Menschen (z. B. dem Homo habilis, dem Homo erectus, dem Homo neanderthalensis) sichtbar unterscheiden würde.   


Wenn wir an Höhlenbilder denken, dann sehen wir tatsächlich - und das beweist den rhetorischen Erfolg dieser Akademiker - ja immer noch vor unserem geistigen Auge, wie im Fackelschein Männer malen Frauen, Jugendliche und Kinder gebannt dabei zusehen. Dieses Bild von den malenden, männlichen Steinzeitjäger-Schamanen, die ihre übersinnlichen Kräfte in der bildlichen Verschmelzung mit den Tieren in einer für alle
anderen Menschen unbegreiflichen, magischen und wunderbaren Weise an die Höhlenwände brachten, das ist - vorsichtig formuliert - ein wortwörtlich wahnsinniger Männerkitsch!  


Ich möchte mir deshalb zunächst kurz erlauben, eine vielleicht unwissenschaftliche, aber zumindest ehrliche Beschreibung von nur einigen, zufällig ausgewählten Höhlenmalereien zu wagen: 

 
Man sieht Huftiere, wie Büffel, Pferde, Wisente und Hirsche oder Raubtiere wie Löwen, Höhlenbären und Hyänen. Ein Bild zeigt einen Wisent, der offenbar durch einen Speer verletzt wurde und vor dem ein Mann mit Vogelmaske und erigiertem Penis liegt. Auf anderen Bildern sind die Huftiere meist von der Seite her zu sehen und meist in Bewegung, überwiegend im Trab. Auf einem Bild gibt es ein Rudel von Hirschen, das durch einen Fluss schwimmt. Von Löwen gibt es Portraits, auf denen eindeutig weibliche Löwen zu sehen sind. Dieses Löwinnenrudel sieht für mich als langjährige Katzenhalterin so aus, als würden sie gerade in typisch katzenhafter Konzentration eine Beute fokussieren. Viele der Huftiere, wie Pferde und Hirsche, haben dicke Bäuche, sind also trächtig und demzufolge weiblich. Um manche der Tiere herum sind kryptische, geometrische Zeichen wie Kringel und Kreise und Ecken gemalt. Vereinzelt erkennt man Waffen, wie Speere oder Stöcke. Einige der Bilder sind genial, magisch und unvergesslich gut gelungen. Andere sind offensichtlich von Steinzeitmenschen gemalt, die noch wenig Übung gehabt haben. Manche der Tiere sind verspielt dargestellt, zum Beispiel trägt ein Hirsch schicke Schnörkel im Geweih, andere wirken todernst auf mich, mächtig und böse - aber, und das finde ich als Laie aber Biologin wichtig: die meisten der dargestellten Tiere besitzen eindeutig freundliche und wache Gesichter. Sie sehen bis auf wenige Ausnahmen nicht aus, als würden sie gerade panisch vor einem Feind flüchten. Meine persönlichen Lieblingsbilder sind die getüpfelten Wildpferde aus der Höhle Peche Merle in Frankreich, die vor etwa 20.000 Jahren gemalt wurden.  


Und nun zurück zu den Fragen nach den Schöpfern dieser magischen Malereien. Welche Menschenarten und welches Geschlecht haben sie wohl tatsächlich gemalt?

 
Die Neandertaler und die modernen Menschen  


Dieses Jahr erst gelang es, eine neue Methode der Datierung anzuwenden. Eine Forschergruppe aus dem MPI in Leipzig fand heraus, dass die ältesten aktuell bekannten Höhlenbilder, die sich in Spanien befinden, vor sensationellen 64.800 Jahren v. N. entstanden sind.  


Da der Homo sapiens erst vor etwa 40.000 Jahren nach Westeuropa einwanderte, sind diese ältesten Höhlenbilder also von den Neandertalern erschaffen worden, da damals nur diese Menschenart im westlichen Europa lebte. Alle Bilder ab ca. 40.000 Jahren bis zum Verschwinden der Neandertaler vor ca. 30.000 Jahren können demnach vom Homo sapiens, dem Neandertaler, von beiden Menschenarten oder von daraus entstandenen Hybriden gemalt worden sein. Nur jene Bilder, die jünger als ca. 30.000 Jahre sind, können ausschließlich vom modernen Menschen gemalt worden sein. Das heißt also ganz einfach, dass die Kunst kein Abgrenzungskriterium zwischen dem Homo sapiens und zumindest dem Neandertaler darstellt. Und das war der erste Schock für die Fachwelt.   
Frauen, Männer und Jugendliche  


Neben den Tierdarstellungen finden sich in vielen der Höhlen sehr gut erhaltene menschliche Handabdrücke oder Handschablonen in rot, schwarz, weiß und Ockertönen. Und diese Hände nun waren der Schlüssel für die zweite bahnbrechende Studie. Ein inzwischen emeritierter Professor von der Pennsylvania State University aus den USA untersuchte diese Hände mittels Messungen der relativen Fingerlängen kombiniert mit statistischen Berechnungen. So war es möglich, die einzelnen Hände zu sexen. D.h. man kann nun unterscheiden, ob die Hände von erwachsenen Frauen oder Männern, von jugendlichen Frauen oder Männern oder von Kindern sind.

 

Dabei fand man heraus, dass 75% der Handabdrücke von Frauen sind, 10% von Männern und 15% von männlichen oder weiblichen Jugendlichen. Da sich viele der Handabdrücke direkt bei den Tierdarstellungen befinden, ist es sehr wahrscheinlich, dass jener Mensch, der seine Hand an die Höhle gedrückt hat, wohl auch mindestens die jeweiligen Höhlenbilder gemalt hat.  


Wenn man nun weiterhin bedenkt, dass in der Steinzeit die meisten Erwachsenen nur zwischen 20 und 30 Jahre alt wurden, dann ist zu bemerken, dass offenbar die Hände, die getüpfelten Pferde und die anderen freundlichen Höhlenbilder zum Großteil von aus heutiger Sicht vorwiegend sehr jungen Frauen erschaffen worden sind - und das war der zweite Schock für die Fachwelt.  


Über die Kunst im heutigen öffentlichen Raum  


Da nun die Höhlenmalereien großflächige Werke sind, spiegeln sie jene Atmosphäre wieder, in der die frühen Menschen gelebt haben, also schlicht und einfach in einem zu großen Teilen von jungen Frauen gestalteten Kunstraum. Die Höhlenmalereien sind also in ihrer Bedeutung für eine menschliche Gesellschaft durchaus zu vergleichen mit einer heutigen Brandmauer in der Oranienstraße in Kreuzberg oder der Wand der Alice Salomon Hochschule in Marzahn - vor denen wir hier in Berlin leben müssen. Beide waren in den letzten Monaten in der öffentlichen Diskussion und beide sind übrigens aktuell von Männern gestaltet.

 
Mein Problem als reine Betrachterin der Kunst im öffentlichen Raum, also als jemand der in völliger Unabhängigkeit des Kunstbetriebs mit seinen Karrieren, seinen Verpflichtungen und seinen Finanzen existiert , besteht im Kern eigentlich gar nicht in der Frage der gleichberechtigten Präsenz von Kunstwerken beider Geschlechter aus Prinzip, sondern ganz banal darin, ob ich mich vor oder unter oder einfach in Gegenwart von Kunstwerken wohl fühle, ob ich ein meisterhaftes handwerkliches Können darin erkenne oder peinliche Experimente, ob ich diese Kunst schön oder hässlich, enervierend martialisch oder fröhlich verspielt finde. So was alles kann und darf ich nämlich für mich beurteilen und Sie alle heute hier vor Ort, so wie alle anderen Menschen auf der Welt, dürfen das auch!  


Deshalb möchte ich ergänzend zu Julie Augusts einführenden Worten nun bei dieser Finissage zusammen mit Ihnen einen Blick aus den geschlossenen Kunsträumen hinaus in die Welt, nämlich in den angesprochenen öffentlichen Raum werfen.  


Kunst im öffentlichen Raum hat im Vergleich zu Kunst in geschlossenen Kunsträumen zwei Vorteile. Erstens kostet sie keinen Eintritt und zweitens kann sie von einem jeden Menschen zu jeder Zeit betrachtet werden, da es ja keine Öffnungszeiten für den öffentlichen Raum gibt. Kunst im öffentlichen Raum hat jedoch auch eine sehr große und subtile Macht und damit einhergehende Nachteile. Immer wenn an der Kunst des öffentlichen Raums vorbeigegangen, gelaufen oder gefahren wird, dann wirkt diese Kunst auf uns ein und infiltriert meist unbemerkt unsere mit Alltagsgedanken beschäftigten Gehirne und Gemüter.  


Da die Kunst des öffentlichen Raums oftmals auch noch eine sehr große Kunst ist, können wir uns dagegen überhaupt nicht wehren. Und das ist, wie ich finde, neben der nun fast schon banalen Tatsache, dass auch diese Kunst vorwiegend von Männern gemacht ist, das eigentliche Ärgernis daran. Wenn man die männerdominierte Kunst in einem Museum nicht sehen möchte, dann zahlt man eben keinen Eintritt und geht eben auch nicht rein, in dieses Männermuseum. Vor der Kunst im öffentlichen Raum jedoch kann man nicht entkommen.      

Visionen für eine bessere Welt  


Aber man, bzw. ganz konkret wir, können heute und hier visionäre Gedankenspiele machen, wie wir mit den Pionierpflanzen und dem Wildwuchs aus dieser Ausstellung einen Teil der Wände, Plätze und Skulpturen des öffentlichen Raums verändern könnten. Zunächst fünf Beispiele von mir, bevor ich Ihnen dazu die Verantwortung weiterreichen möchte.  


In der Treptower Spree stehen die unübersehbaren, weltbekannten drei durchlöcherten Molecule Men des amerikanischen Künstlers Jonathan Borofsky. Diese monströse, unförmige und eigenartig durchlöcherte Skulptur ist 30 m hoch und schlappe 45 Tonnen schwer. Möchte ich sie auf meinem täglichen Arbeitsweg nicht sehen, dann muss ich entweder wie ein altes Kutschpferd mit Scheuklappen das Spreeufer entlangfahren oder ich bin gezwungen, einen Umweg im Dauerstau über den Ostbahnhof zu nehmen. Da beides lästig ist und ich nun mal weiß, dass auch in modernen Großstädten Überlebensfähigkeit in geschickter Anpassung begründet ist, habe ich versucht, mich mit dem ideologischen Hintergrund dieser Skulptur  zu beschäftigen, in der Hoffnung, dass ich sie erstens verstehe und zweitens bei passendem Überbau im Alltag besser mit ihrer Präsenz der zurechtkomme. Beim Googlen bin ich dann in einem Art-Blog gelandet. In diesem gibt der Künstler ein Statement zu seiner mega-dominanten Skulptur ab.

 
Er sagt: Die Skulptur soll daran erinnern, (...), dass sowohl der Mensch als auch die Moleküle in einer Welt der Wahrscheinlichkeit existieren und es das Ziel aller kreativen und geistigen Traditionen ist, Ganzheit und Einheit innerhalb der Welt zu finden.  


Ich dachte nicht weiter über diesen Satz nach, da ich den auch in hundert Jahren nicht verstehen würde und entschied mich dann adaptiv erstens dafür, von nun an meinen  Arbeitsweg über den Ostbahnhof zu nehmen und zweitens dafür, und nun sind auch Sie hier alle vor Ort tatsächlich betroffen, dass diese Skulptur mittelfristig von einer Pionierpflanze ersetzt werden muss. Mein Vorschlag hierfür wäre die Plastik Hausfraß II von Rachel Kohn gleich hier zu meiner Linken. Hausfraß II ist aktuell 62 cm hoch und evtl. 5 kg schwer. Sicherlich wäre es möglich Hausfraß II in passendem Material (z. B. Bronze mit Goldauflage) und in passender Größe (also dann mehr als 30 m hoch) zu gestalten um die Molecule Men in die Verbannung zu schicken.  


Ein weiteres Beispiel für Kunst, unter der man sich einfach nicht wohl fühlen kann, ist die Skulptur Bauarbeiter von Gerhard Thieme. Sie ist 3,40 m hoch, wiegt 800 kg und steht mitten auf dem Gehweg in der Liebknechtstraße, in der Nähe des Alexanderplatzes. Hier wäre ich dafür, mindestens in die offene Hand des Bauarbeiters eine PionierPlastik von Marianne Stoll zu platzieren. Eine der Samenkapseln, die aktuelle Größe ist etwa 33 x 45 x 25 cm, würde den Wahn dieses Bauarbeiters schlagartig entschärfen, sodass man wieder entspannt den Gehweg nutzen könnte.   


Ebenfalls auf einem Gehweg steht die vielleicht letzte Leninstatue Ostdeutschlands. Am Großen Dreesch in Schwerin wurde 1985, also vier Jahre vor dem Mauerfall in der damaligen DDR, ein 3,50 m hoher Lenin des estnischen Bildhauers Jaak Soans aufgestellt. Lenin steht da breitbeinig auf einem Sockel, hat die Hände in den Manteltaschen und blickt unnahbar und herrschend nach vorne in Richtung des Schweriner Fernsehturms. Täglich hüpfen und rennen unzählige kleine Schulkinder, die in den Plattenbauten des Großen Dreesch leben, unter diesem Lenin vorbei. Ich kann mich erinnern, dass ich auf meinem täglichen Schulweg an einem Brunnen mit einem Wasser speienden Frosch vorbeigekommen bin, also in 13 Schuljahren rund 5000x einem fröhlichen Frosch begegnen durfte. Die kleinen Schweriner Schulkinder aber begegnen einem herrschenden, unnahbaren, alten Mann. Ich schlage also vor, dass man diese Statue ersetzt durch zum Beispiel ganz viele Tenterhooks von Andrea Hartinger. Diese sind aktuell 30 x 20 x 20 cm groß, könnten jedoch sicherlich vergrößert, vervielfacht und im Material an Wind und Wetter angepasst werden.  


Zurück nach Berlin und zur Street Art. In der Oranienstraße befinden sich auf einer Brandmauer drei gesprühte tote Tiere, die kopfüber an einem Seil hängen, ein Hirsch, ein Hase und ein Reiher. Diese gespenstischen Kadaver stammen von einem belgischen Künstler namens ROA. In Kombination mit den Ratten auf dem Gehweg fühlt man sich an dieser Ecke Berlins fast wie in einem Schlachthaus. Hier würden anstelle von ROAs Graffity die PionierPflanzenBilder von Roswitha Paethel die städtische Atmosphäre befrieden. Das Bild seeds nr. 5 ist aktuell ein kleines Aquarell von 70 x 90 cm Größe und wäre vergrößert ein perfektes Motiv für diese Brandmauer.  


Als letztes Beispiel möchte ich die Frontseite der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz erwähnen. An lauen Sommerabenden werden hier gerne mal Gedichte oder Auszüge aus diverser Prosa an die Wand projiziert. Zufällig stand ich im Juni drei Abende lang wartend vor der Volksbühne. Irgendwann begann ich aus purer Langeweile die Wörter sie und er zu zählen, die da über allen Köpfen erleuchteten. Er saß auf dem Sofa, er lag im Bett, er, er, er, er... sie sang. Sie öffnete ihre Lippen. Er kam 32x mal vor und sie kam 2x vor. Obwohl ich persönlich das Gedicht als Kunst im öffentlichen Raum allen anderen Formen bevorzugen würde, bin ich hier doch der Meinung, dass Projektionen der Fotos born 1-3 von Ulrike Gerst eine wirkliche Bereicherung für die Fassade der nächtlichen Volksbühne darstellen würden.   


Sie haben eine Pflicht  


Kurzum: die weibliche PionierPflanzenKunst und der Wildwuchs müssen also raus, raus aus den Heimwerkstätten, raus aus den kleinen Ateliers, raus in den großen, weiten, öffentlichen Raum. Raus in die Welt, egal in welcher Form auch immer: als Plastik, als Gemälde, als Graffity, als Projektion, als Fotografie, als Bild, als Gedicht. Sie müssen raus und auf Brandmauern und Wände, auf Gehwege und auf städtische Plätze und Gebäude.   


Natürlich möchte ich mit diesem Beitrag die Künstlerinnen von heute in erster Linie ermutigen. Aber gleichzeitig finde ich, dass die Künstlerinnen von heute auch eine Verpflichtung dazu haben, den öffentlichen Raum atmosphärisch passend mit ihrer Kunst zu besiedeln, nicht nur weil sie es können, sondern vor allem - und ich denke da an die getüpfelten Pferde der jungen Steinzeitfrauen – weil sie es atmosphärisch und evolutionär betrachtet müssen!  


Und nun dürfen / sollen / können alle, die mutig sind, sich einen grünen Zettel schnappen, durch diese Ausstellung wandeln und darauf notieren, wo im öffentlichen Raum sie sich visionär einige oder alle ausgestellten Werke der 17 Künstlerinnen dieser Ausstellung wünschen würden.   
Bitte geben sie dann mir, der anwesenden Jugend oder der Kuratorin Julie August Ihrem Rundgang ihre Visionen in die Hand - wir werden etwas Gutes daraus machen!  

 

Dr. Ruth Thomsen

Berlin-Adlershof am 18.08.2018

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